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Christian Dirk Rowell Foto Kunst

Tunnel Am Ende Des Lichts

Dieses Werk widerspricht einem der hartnäckigsten Heilsversprechen der Moderne: dem „Licht am Ende des Tunnels“. Hier ist das Licht zu viel. Es frisst Details, überstrahlt Bedeutung und zwingt den Blick an den Rand – zu den scharf ertastbaren Wänden des Tunnels.

Der Titel „Tunnel Am Ende Des Lichts“ markiert eine Umkehr: Der Tunnel ist kein Ort der Angst, sondern der Wahrnehmungsregeneration.

Formal arbeitet die Fotografie mit einer extremen Helligkeitsdynamik. Die Mitte clippt; damit verweist das Bild zugleich auf eine Grenze des Mediums: Sensoren (und Menschen) verlieren jenseits bestimmter Intensitäten Information. Das technisch Überbelichtete wird zum ikonischen Argument: Übermaß erzeugt Blindheit.

Ikonografisch öffnet sich ein liminaler Raum – eine Schwelle zwischen Rückzug und Aufbruch.
Geburt, Höhle, Schutz, Re-Orientierung: Der Tunnel bildet das, was in krisenhaften Zeiten oft fehlt – einen Ort der Dosierung.
Die rauen, organischen Wände sind Körpermetaphern: verletzlich, konkret, nah. Das Außen bleibt Projektionsfläche. So kippt Hoffnung aus dem Versprechen des Fernen in die Ethik der Nähe: Nur was berührbar ist, wird erkennbar.

Gesellschaftlich liest sich die Arbeit als Kritik an Beschleunigung und Dauerbeleuchtung – an Märkten, Medien, Interfaces, die alles sichtbar machen wollen und dadurch Bedeutung auswaschen. Der Rückzug ins Dunklere ist hier kein Eskapismus, sondern Widerstand: ein selbst gesetzter Filter gegen das Diktat des Hellen.

Die Arbeit verlangt eine aktive Haltung der Betrachtenden: Nicht „Was ist dort?“ (im Weiß ist nichts zu holen), sondern „Wo und wie kann ich sehen?“ Die Antwort liegt im Randbereich, in der Unvollkommenheit. Das Bild ist damit weniger Fenster als Instrument – ein Test für die eigene Toleranz gegenüber Nicht-Wissen. Hoffnung entsteht nicht durch mehr Licht, sondern durch besseres Maß.

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